Westlich orientiert in Afghanistan?

 

Aus einem negativen Asylbescheid einer Mutter:

„Sie brachten vor kein selbst bestimmtes Leben in [Heimatland] zu führen, wobei Sie aber nicht als westlich Orientierte Frau auftraten, sondern sehr wohl den Tschador getragen haben.“

Eigentlich bestätigt dieses Tragen des Tschadors, dass die Frau eben kein selbstbstimmtes Leben in Afghanistan führen konnte. Aber das BFA – das offenbar genau weiß, wie sich Frauen in ländlichen Gegenden in jenem Land kleiden dürfen – macht es dieser Asylwerberin  (die explizit ihre Freiheit hier in Österreich lebt und liebt) zum Vorwurf, dass sie sich dort den herrschenden Bedingungen fügen musste.

 

Schulpflicht

 

Aus dem negativen Asylbescheid einer Gymnasialschülerin:

„Sie haben den Besuch eines Deutschkurses angeführt, weitere Besuche von Veranstaltungen, Kursen etc. haben Sie nicht erwähnt auch haben Sie diesbezüglich keine Dokumente in Vorlage gebracht.“ 

 

Progressiv

 

Aus dem negativen Bescheid einer jungen verheirateten Frau:

„In Ihrem Fall wurde keinem Ihrer Familienangehörigen der Status des subsidiär Schutzberechtigten zuerkannt, sodass auch eine Schutzgewährung aus Gründen des Familienverfahrens nicht in Betracht kam. Ihre Ehefrau hat eigene Fluchtgründe angeführt.“

Hier sind Textbausteine am Werk. Um einen negativen Bescheid zu rechtfertigen, wird kurzerhand aus dem negativen Bescheid eines anderen Asylwerbers Text übernommen.

: „Ja, mein Mann heißt XX, er ist am …… geboren. Befragt gebe ich an, dass ich XX vor knapp …… Jahren in YY nach islamischen Recht geheiratet habe.“
Antwort auf die Frage beim Interview nach dem Familienstand, wann und wo sie geheiratet hat und ob die die Eheschließung traditionell und/oder standesamtlich war. Der Referent hatte also die Information, dass die Frau nicht mit einer Frau verheiratet war, aber er hat übersehen, dass sein Textbaustein nicht zum gegenwärtigen Fall passt.

 

Einfach falsch!

 

Immer wieder kommt es zu Unachtsamkeiten und Verwechslungen:

Frage: Welche Staatsangehörigkeit haben Sie?
Antwort: Ich bin afghanischer Staatsangehöriger.

Frage: Sind Sie verheiratet?
Im Protokoll: Ja, meine Frau  …. ist am …. geboren und ist noch im Irak.

Anmerkung: Der afghanischer Asylwerber hatte keine Frau in Irak. Die begleitende Vertrauensperson hat beim Interview öfters auf  falsche Textbausteine aufmerksam gemacht …. die dann doch nicht raus-korrigiert wurden.

Fallverwechslung? Irren ist menschlich, auch bei BFA Beamten!

 

Wer hätte nicht gerne auch so einen Onkel?

„Sie verfügen auch weiterhin über familiäre Bindungen in Afghanistan in Gestalt Ihrer Mutter, Ihrer Frau, Ihrer Tochter sowie Ihres Onkels und dessen Familie. Die finanzielle Situation bezeichnen Sie zwar als eine schlechte, geben aber an, dass Ihre Familie über Grundbesitz verfügen würde und Ihr Onkel Ihre Mutter, Ihre Frau und Ihre Tochter unterstützen würde.Es ist der Behörde nicht ersichtlich, wieso Ihr Onkel nicht auch Sie, zumindest in der ersten Zeit nach Ihrer Rückkehr, finanziell unterstützen könnte. diese Unterstützung kann durchaus auch über Bankverbindungen von Ghazni aus erfolgen.“

Ein Textbaustein aus einem anderen negativen Bescheid soll helfen,  disen negativen Bescheid zu rechtfertigen. Nur handelt es sich bei diesem Asylwerber um einen ledigen Mann, der weder Frau noch Tochter hat. Es wurde auch nie ein Onkel erwähnt.  Aber der Asylwerber kommt immerhin aus Ghazni, die finanzielle Situation ist schlecht und sein Vater hätte einen kleinen Grundbesitz, wenn dieser nicht in den Händen der Taliban wäre. Da soll man nicht kleinlich sein….

 

Nicht aufgepasst

 

Interviewer: „Woher kannte diese Person, die den Drohanruf tätigte Ihre Telefonnummer?“

Asylanwärter: „Das weiß ich selber nicht. Die einzige Möglichkeit wäre, dass sie die Daten über die Firma erhalten haben. Ich habe jeden Wohnungswechsel bei der Firma bekanntgeben müssen bzw. musste immer die aktuelle Telefonnummer angegeben sein, falls in der Firma jemand ausfiel.

Im Bescheid steht dann: „Zu diesem Telefonanruf gibt es keine Beweise und Sie können keine detaillierten Angaben machen, wer der Anrufer war und woher er die Telefonnummer hatte.“

Formulieren „leicht gemacht“

 

Theoretisch behandelt das BFA jeden Asylantrag als Einzelfall und begründet einen negativen Bescheid unter Berücksichtigung der einzelnen Umstände. In der Tat jedoch kommt es immer wieder zur Verwendung von sogenannten „Textbausteine“, wo ein Referent Zeilen, oder sogar ganze Paragraphen aus anderen negativen Bescheiden anwendet.  Folgender Textbaustein ist ein absoluter Liebling der Beamten und wird sogar in den Bescheiden von Konvertiten angewendet. Er passt einfach immer!

„Zu bemerken ist übrigens weiters, dass die islamische Glaubensgemeinschaft in aller Welt grundsätzlich bestrebt ist, Schutz- und Unterkunftssuchende zu beherbergen, was auch für Afghanistan Gültigkeit hat. Da sich praktisch der gesamte afghanische Staat – sowohl Befürworter als auch Gegner der derzeitigen Regierung – über islamische Traditionen und Regel definiert, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Schutzsuchende, sofern sie den Wunsch auf Unterstützung in Moscheen und anderen islamischen Einrichtungen entsprechend formulieren, auch Gehör und Hilfe bei der Neu- oder Wiederansiedlung in Kabul erfahren. Es kann somit selbst dann, wenn Sie über keine Netzwerke in Afghanistan verfügen sollten, nicht erkannt werden, dass Sie in Kabul schutz- und hilflos wären, sodass die IFA in Kabul als nicht zumutbar und somit als nicht tauglich festgestellt werden müsste.“

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit finden alle – inklusive Befürworter und Gegner der derzeitigen Regierung – Schutz, Unterkunft und Hilfe durch die Moschee.

 

 

 

Keine Sorge – familiäres Auffangbecken für alle Volksgruppen vorhanden!

 

In drei uns vorliegenden Bescheiden fand sich fast wortgleich folgender Absatz (inklusive Rechtschreibfehler). Die Volksgruppe wurde nach Bedarf angepasst. Wir sehen also, die Einzelfallprüfung funktioniert einwandfrei.

„Auch wenn in Ihrem Fall und in Zusammenhang mit Ihrer Volksgruppenzugehörigkeit nicht eine Art Ehrenkodex wie bei den Paschtunen festzustellen ist, der die Übernahme einer sowohl ideellen als auch physischen Schutzfunktion der Familie, des Stammes, der Nation und der Ehre vorsieht, so liegt es dennoch im grundlegendsten Interesse sämtlicher in Afghanistan existierenden Volksgruppen, unter die auch die der Hazara/Qizilbasch [hier lässt sich anscheinend jede beliebige Volksgruppe einsetzen]  fällt, Ihre Mitglieder zu schützen und selbstverständlich auch im Falle der Rückkehr zu unterstützen. Es ist deshalb schon von vorneherein in Ihrem Fall davon auszugehen ist, dass Sie mit einer Rückkehr nach Afghanistan in Kabul nicht vor eine unzumutbare Situation gestellt würden, umso mehr Sie im „Auffangbecken“ der Volksgruppe landend entsprechende Unterstützung erwarten dürfen. Die zu erwartende Unterstützung durch die in Kabul ansässigen Führungspersönlichkeiten der Hazara/Qizilbasch  [hier auch beliebig einsetzbar] und der existierenden Stammes- und Volksgruppenstrukturen ist mit dem familiären Netzwerk in seinem klassischen Sinn mehr als zu vergleichen und lässt sich demnach auch daraus ableiten, dass Sie selbst dann, wenn Sie tatsächlich keine (nahen) Verwandten in Afghanistan haben sollten, nicht vor eine ausweglose Lage im Falle der Rückkehr gestellt wären.“

Sehr beruhigend!

 

Im Bescheid eines zum Christentum konvertierten Flüchtling ist zu finden:

„Auch aufgrund Ihrer Religionszugehörigkeit haben Sie keinerlei Verfolgung und Bedrohung zu befürchten. Etwa 99,7% der Bevölkerung sind Muslime, davon sind 84,7-89,7% Sunniten.“

Da in Afghanistan Abfall vom Islam mit dem Tod bestraft wird, ist es für den Flüchtling sicher sehr beruhigend, zu erfahren, wie es um die religiöse Vielfalt in Afghanistan steht.