Keine Anleitung zur Kriminalität

 

“Zu den regelmäßig zumutbaren Arbeiten gehören dabei auch Tätigkeiten, für die es keine oder wenig Nachfrage auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gibt,  die nicht überkommenen Berufsbilder entsprechen, etwa weil sie keinerlei besondere Fähigkeiten erfordern  und die nur zeitweise, etwa zur Deckung eines kurzfristigen Bedarfs ausgeübt werden können,  auch sowie diese Arbeiten im Bereich einer “Schatten- oder Nischenwirtschaft” stattfinden. Auf kriminelle Aktivitäten wird hiermit nicht verwiesen.”

Man kann sich allerdings schwer vorstellen, worauf sonst hiermit verwiesen wird… (In Österreich würde etwa Prostitution eine Möglichkeit sein, aber in Afghanistan fällt das leider unter “kriminelle Aktivitäten”).

Fortschritte seit der Taliban-Herrschaft

 

“Als afghanische Frau ist im Hinblick auf die derzeit vorliegenden herkunftsstaatsbezogenen Erkenntnisquellen zur allgemeinen Lage von Frauen in Afghanistan festzuhalten, dass sich jedenfalls keine ausreichend konkreten Anhaltspunkte dahingehend ergeben haben, dass alle afghanischen Frauen gleichermaßen bloß auf Grund ihres gemeinsamen Merkmals der Geschlechtszugehörigkeit und ohne Hinzutreten weiterer konkreter und individueller Eigenschaften im Falle ihrer Rückkehr mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit Gefahr laufen würden, Verfolgung aus einem der in der GFK genannten Gründe ausgesetzt zu sein. In diesem Zusammenhang ist überdies darauf hinzuweisen, dass sich die Situation der Frauen seit dem Ende der Taliban-Herrschaft erheblich verbessert hat und “außer Frage” steht, dass gewisse Fortschritte gemacht wurden.”

Unser sprachgewandter Referent vermeidet es geschickt, explizit anzugeben, was genau die Fortschritte sind, die die Situation der Frauen seit der Taliban-Herrschaft so verbessert haben. Denn verglichen mit der Herrschaft der Taliban muss ziemlich jede Änderung in der Situation der Frauen, egal wie klein, als Fortschritt angesehen werden.

Eine vage Bedrohung

 

Ach, des is alles so … vage, so … irgendwie.
Na i was ned!

Sie brachten zwar eine vage Bedrohung durch die Konsequenzen aus einer behaupteten Eheschließung mit XXX vor …”


Es handelt sich in diesem Fall um Ehepartner. Zunächst Auszüge aus dem Protokoll der Einvernahme der Ehefrau.

Ach ja, es handelt sich um eine tatsächliche Ehe der beiden und nicht um eine “behauptete Eheschließung “.

LA: Wurden ihnen die Protokolle [der Erstbefragung] rückübersetzt und protokolliert?
VP: Ja, eine Kopie habe ich erhalten. Ich habe eine Frage.
LA: Bitte!
VP: Ich möchte die Rückkehrbefürchtung mit Ja beantworten.

LA: Was war nun konkret das fluchtauslösende Moment? Was gab den Ausschlag, dass sie ihr Heimatland verlassen mussten?
VP: Mein Vater wollte mich verheiraten. Ich wollte nur mit XXXX zusammen sein. Wi[o]r hatten Geschlechtsverkehr. Als ich gehört habe, dass man XXXX töten will, wollte ich weg.

LA: Haben sie XXXX davon erzählt, dass man ihn töten will?
VP: Im Nachhinein als wir im XXXX waren.

LA: Haben sie jemals erwogen, an einem anderen Ort in ihrem Heimatland zu ziehen, um den Problemen zu entgehen?
VP: In XXXX hatten wir große Angst. Wir hatten Angst gefunden zu werden.

LA: Was aus Ihrer Sicht, hat Sie an einer Umsiedlung in ein sicheres Gebiet wie z.b. XXXX oder XXXX  gehindert?
VP: Ich hatte Angst. Mein Leben war in Gefahr. Wir haben auch in XXXX die Lebensgefahr gespürt.

LA: Welche Befürchtungen haben Sie für den Fall einer Rückkehr in ihr Heimatland?
VP: Ich kann nicht nach XXXX zurück, mein Leben ist dort in Gefahr.

LA: … Jedenfalls steht eine innerstaatliche Fluchtalternative mit XXXX in Erwägung, die die Behörde prüfen muss.
VP: Nach XXXX können wir nicht zurückkehren, dort ist unser Leben in Gefahr.


Hier die Auszüge aus dem Protokoll des Ehemanns

LA: Aus welchem Grund verließen Sie ihr Heimatland
VP: …Einige XXXX, die Anzahl weiß ich nicht, sind auf mich losgegangen und wollten mich schlagen. Einer hat mich mit dem Messer attackiert und getroffen.
… Sie hat gesagt, sie ist ja keine Jungfrau mehr. Nach den islamischen Regeln wird er mich töten.
… Ihr Vater und ihr Bruder haben sie geschlagen, damit sie der Heirat zustimmt.
… XXXX hatte große Angst gefunden zu werden. Das wir entweder den XXXX Behörden übergeben werden oder direkt getötet werden.
… Unser Leben war auch dort in Gefahr.
… Im XXXX war es lebensgefährlich …

LA: Sie wollten mir etwas zeigen
Anmerkung: AW zeigt eine Narbe XXXX  lang, auf der XXXX Seite eine handbreite XXXX der XXXX. Sie ist genäht worden und gut verheilt.

LA: Schildern sie mir die Attacke auf Sie mit allen Details!
VP: … Ich glaube die Männer hatten die Absicht mich zu töten.

LA: Was haben Sie nach der Ankunft zu Hause bezüglich der Verletzung gemacht?
VP: Dort gibt es ein Krankenhaus, ein Arzt hat die Wunde genäht.

LA: Warum glauben Sie die Männer wollten Sie töten?
VP: Weil ich es gewagt habe um die Hand von XXXX anzuhalten.

LA: Was war nun konkret das fluchtauslösende Moment? Was gab den Ausschlag, dass sie ihr Heimatland verlassen mussten?
VP: das wir einander körperlich näher gekommen sind. Wenn die Taliban das erfahren hätten, dann hätte es keinen guten Ausgang genommen. Wenn ihre Familie es erfahren hätte ebenso. Die Messerattacke. Wenn man sie verheiratet hätte, und erfahren hätte, dass sie keine Jungfrau mehr ist, dann hätte ihre Familie sie getötet.

LA: Was genau droht Ihnen?
VP: Mich hätte man auch getötet.

LA: z.B. XXXX oder XXXX 
VP: XXXX ist drei Stunden entfernt. Wir hatten Todesangst. Auch im XXXX sind wir nicht geblieben.

LA: Was aus ihrer Sicht, hat Sie an einer Umsiedlung in ein sicheres Gebiet wie z.b. XXXX oder XXXX gehindert?
VP: Innerhalb von XXXX hatte ich kein sicheres Gefühl mehr. Mein Leben war dort in Gefahr.

LA: Welche Befürchtungen haben Sie für den Fall einer Rückkehr in ihr Heimatland?
VP: Dann wird es weder mich noch XXXX geben.
Anmerkung AW beginnt zu weinen.

LA: Würde Ihnen im Fall der Rückkehr etwas von Seiten der staatlichen Behörden drohen?
VP: Ihre Familie aber auch die Taliban und der Staat werden uns bestrafen. Wobei ihre Familie und die Taliban [uns] mit dem Tod bestrafen werden.

Stellungnahme AW
VP: Zumutbar ja, es geht um Leben und Tod, damit schließt sich das aus.